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12. März 2026 15:19 Uhr

Die Illusion der Tankpreisbremse: Warum eine staatliche Preisruhe an den Zapfsäulen Sprit sogar teurer machen könnte

Die Illusion der Tankpreisbremse:
Warum eine staatliche Preisruhe an den Zapfsäulen Sprit sogar teurer machen könnte

  • Bundeskabinett einigt sich auf Regulierung nach österreichischem Vorbild
  • Clever-Tanken-Gründer Steffen Bock warnt: Weniger Wettbewerb könnte höhere Durchschnittspreise zur Folge haben

Nürnberg, 12. März 2026. Angesichts der stark gestiegenen Kraftstoffpreise infolge des Kriegs zwischen den USA, Israel und dem Iran will die Bundesregierung künftig stärker in die Preisbildung an den Tankstellen eingreifen. Das Bundeskabinett hat sich darauf geeinigt, Preiserhöhungen an den Zapfsäulen nach österreichischem Vorbild künftig auf eine pro Tag zu begrenzen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kündigte am gestrigen Mittwoch an, dafür das Kartellrecht zu ändern. Die Maßnahme soll extreme Preissprünge begrenzen und mehr Stabilität an den Zapfsäulen schaffen. Doch genau das könnte nach Einschätzung des Verbraucherinformationsdienstes Clever Tanken am Ende ins Gegenteil umschlagen.

„Eine staatlich verordnete Preisruhe klingt zunächst verbraucherfreundlich. Ökonomisch kann sie jedoch umgekehrte Wirkung entfalten“, sagt Steffen Bock, Gründer und Geschäftsführer von Clever Tanken. „Wenn Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen dürfen, werden sie sich bei dieser Erhöhung eher am oberen Ende ihres bisherigen Preisspektrums orientieren. Der Wettbewerb würde zwar ruhiger – aber auch teurer.“
 
 
 
Scheinstabilität an den Zapfsäulen
 
 
 
Laut Bock schwanken die Preise heute an einer durchschnittlichen Tankstelle im Tagesverlauf um 15 Cent pro Liter für dieselbe Kraftstoffsorte. Die Hoffnung der Politik, dass eine Tankpreisbremse den durchschnittlichen Kraftstoffpreis senken könnte, sieht Bock daher eher pessimistisch. „Wenn ein Mineralölkonzern heute bei einer Tankstelle eine tägliche Preisspanne von etwa 15 Cent hat, stellt sich die Frage: Warum sollte er künftig einen festen Preis am unteren Ende dieser Spanne festlegen?“, sagt Bock. Wahrscheinlicher sei, dass sich der Preis eher im oberen Bereich dieser Bandbreite orientiert.

„Damit würde den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Scheinstabilität suggeriert. Die Preise würden ruhiger wirken, könnten sich aber gleichzeitig auf einem höheren Niveau einpendeln und anschließend nur langsam wieder nach unten bewegen“, erklärt Bock. „Das würde zwar stabiler wirken – könnte für Autofahrerinnen und Autofahrer am Ende aber sogar teurer werden.“
 
 
 
Rakete rauf – Feder runter?
 
 
 
Bundeswirtschaftsministerin Reiche begründet den geplanten Eingriff unter anderem mit dem sogenannten „Rakete-Feder-Effekt“. Gemeint ist damit ein häufig beobachtetes Muster im Kraftstoffmarkt: Steigen die Rohölpreise, klettern die Preise an den Zapfsäulen schnell nach oben wie eine Rakete. Fallen die Ölpreise, sinken die Kraftstoffpreise dagegen oft langsamer – wie eine Feder.
 
Bock hält jedoch auch hier eine regulierte Preisstruktur nicht zwingend für die richtige Antwort. „Eine starre Begrenzung von Preiserhöhungen kann diesen Effekt sogar verstärken“, sagt er. „Wenn Preise einmal auf einem höheren Niveau festgelegt sind und der Wettbewerbsdruck sinkt, kann es länger dauern, bis sie wieder nach unten gehen.“
 
 
 
Weniger Preisdynamik – aber nicht zwingend weniger Änderungen
 
 
 
Ein weiteres Ziel der Regulierung ist es, die Vielzahl täglicher Preisänderungen zu reduzieren. Doch auch hier äußert Bock Zweifel: „Wenn nur noch eine Preiserhöhung am Tag erlaubt ist, aber Preissenkungen jederzeit möglich bleiben, bedeutet das nicht automatisch weniger Preisänderungen insgesamt“, erklärt er. Zwar würde die Zahl der Preiserhöhungen sinken, gleichzeitig sei jedoch keineswegs ausgeschlossen, dass weiterhin zahlreiche Preissenkungen in kleinen Schritten erfolgen.
 
Entscheidend sei ein anderer Effekt: Durch die hohe Transparenz der Spritpreise – etwa durch die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe sowie zahlreiche Preisvergleichs-Apps – könnten Tankstellen künftig sogar weniger Anreiz haben, ihre Preise im Wettbewerb nach unten anzupassen. „Unter diesen Bedingungen könnten sich die Preise eher auf einem relativ hohen Niveau einpendeln“, sagt Bock.
 
 
 
Günstige Preise – aber zur falschen Zeit?
 
 
 
Geht man vom österreichischen Modell aus, das laut Wirtschaftsministerin Reiche als Vorlage dienen soll, dürften Tankstellen ihre Preise nur einmal täglich – dort um 12 Uhr mittags – erhöhen. „Wenn man dieses Modell auf Deutschland überträgt, würden die niedrigsten Preise vermutlich kurz vor diesem Zeitpunkt entstehen“, sagt Bock. „Doch genau zu dieser Zeit sind viele Menschen bei der Arbeit oder anderweitig gebunden. Heute entstehen die günstigsten Preise häufig am Abend – zu einer Zeit, in der deutlich mehr Autofahrer davon profitieren können.“
 
 
 
Höhere Preise sind wichtiges Marktsignal
 
 
 
Darüber hinaus verweist Bock auch auf eine grundsätzliche ökonomische Funktion von Preisen. Denn der aktuelle Preisanstieg sei vor allem eine Folge geopolitischer Spannungen und steigender Rohölpreise infolge des Kriegs im Nahen Osten. 

Aus ökonomischer Sicht seien höhere Energiepreise ein wichtiges Marktsignal für eine mögliche Verknappung von Rohöl. „Steigende Preise sind zunächst einmal ein Hinweis auf knapper werdende Ressourcen“, sagt Bock. „Wenn der Staat in die Preisbildung eingreift, besteht immer die Gefahr, dass solche Signale abgeschwächt oder verzerrt werden.“
 
Preise erfüllen in einem funktionierenden Markt daher auch eine Steuerungsfunktion: Sie geben Verbraucherinnen und Verbrauchern einen Anreiz, ihr Verhalten anzupassen – etwa sparsamer zu fahren, Fahrten zu bündeln oder alternative Verkehrsmittel zu nutzen. Werden diese Preissignale durch Regulierung gedämpft, kann dieser Anpassungseffekt ausbleiben.
 
 
 
Wettbewerb statt Preisbremse
 
 
 
Vor diesem Hintergrund plädiert Bock dafür, die bestehenden Marktmechanismen nicht weiter einzuschränken, sondern den Wettbewerb zu stärken. Denn der deutsche Kraftstoffmarkt gilt bereits als einer der transparentesten Europas. Seit 2013 melden die Tankstellen ihre Preise an die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K). Vergleichs-Apps und Navigationssysteme machen diese Daten nahezu in Echtzeit sichtbar. 
 
„Das tägliche Auf und Ab der Preise ist kein Chaos, sondern Ausdruck eines funktionierenden Wettbewerbs“, sagt Bock. „Gerade dieser Wettbewerb sorgt dafür, dass Autofahrende immer wieder günstige Zeitfenster zum Tanken finden.“
 
Sein Fazit fällt daher kritisch aus: „Die Tankpreisbremse mag politisch populär klingen. Ökonomisch ist sie jedoch eine riskante Illusion. Sie dämpft Bewegung – aber nicht die Kosten.“